Russlands Armee: "Die machen mich hier zum Krüppel"

In der russischen Armee quälen Offiziere und Kameraden jährlich Hunderte Soldaten zu Tode. Starb auf diese Weise auch der junge Gefreite Roman Suslow? Seine Mutter ist davon überzeugt - und vermutet ein ungeheuerliches Motiv hinter dem ungeklärten angeblichen Suizid ihres Sohnes.

Ein letztes Mal noch umarmt Roman Suslow seine Mutter, für ein Abschiedsfoto nimmt er seinen einjährigen Sohn auf den Arm. Romans Vater filmt die Szene mit der Kamera. Dann steigt der 19-Jährige mit den anderen Wehrpflichtigen aus der sibirischen Millionenstadt Omsk in den Zug nach Bikin, eine Kleinstadt an der chinesischen Grenze. Dort liegt seine künftige Kaserne.

Nur wenige Tage später filmen die Eltern ein ganz anderes Video. Der leblose Körper ihres Sohnes liegt aufgebahrt in einem Sarg, daneben gelbe Blumen. Seine Mutter Tatjana knöpft Romans Hemd auf, um die blauen Flecken an seinem Körper zu zeigen.

Der Tote kommt gerade aus dem Leichenschauhaus, die Haut ist noch gefroren. Auf Romans Stirn zeichnet sich ein breites Blutgerinsel ab. Von der Kehle bis zum Schritt zieht sich ein grob vernähter Schnitt, von der Obduktion, wie die Armee mitteilte. Das Video ist ein Dokument der Verzweiflung der Eltern. Ihr Sohn soll sich erhängt haben, noch ehe er in der Kaserne ankam.

Tatjana Suslowa und ihr Mann glauben das nicht. "Roman musste sterben, weil die Vorgesetzten seine Organe verkaufen wollten", behauptet Tatjana.

Beweise kann sie nicht vorlegen.

Die Armee schweigt, bügelt Kontaktversuche ab und lässt die Eltern mit dem Tod ihres Sohnes allein. Die Eltern suchen verzweifelt nach Erklärungen und sind irgendwann bereit, fast alles zu glauben, zumal die Armee in Russland für Brutalität und Korruption berüchtigt ist. Erst kürzlich wurde ein Oberst angeklagt, weil er über Jahre gespendetes Blut seiner Soldaten für umgerechnet rund 20.000 Euro verscherbelte.

"Viele Suizide sind vertuschte Morde"

Laut Statistiken der Militärstaatsanwaltschaft sterben jährlich mehr als 400 Soldaten, fast ein ganzes Bataillon, ohne in Kampfhandlungen verwickelt zu sein. Mehr als 200 sollen im vergangenen Jahr Suizid begangen haben. Die Bundeswehr verzeichnete im vergangenen Jahr 24 Selbstmorde, die US-Armee, mit insgesamt einer Million Soldaten ähnlich groß wie die russische, rund hundert.

Die meisten Todesfälle gehen auf Quälereien und Misshandlungen der Soldaten durch Vorgesetzte zurück. "Von den offiziellen Selbstmorden in Russlands Armee sind nur etwa ein Drittel tatsächlich echt", schätzt Veronika Martschenko, Vorsitzende der Organisation "Rechte der Mütter". Sie unterstützt seit 20 Jahren Familien, deren Söhne beim Wehrdienst in Friedenszeiten zu Tode gekommen sind. Ihre Organisation klärt die Eltern über ihre Rechte auf und vermittelt Juristen, die helfen sollen, vor Gericht die Wahrheit über die Todesumstände der Soldaten herauszufinden. "Viele Suizide in der Statistik sind eigentlich vertuschte Morde", sagt die Menschenrechtlerin.

Für die systematischen Misshandlungen der Soldaten kennen die Russen eine eigene Vokabel: Dedowschtschina, was übersetzt "die Herrschaft der Großväter" bedeutet. Sie steht für ein hierarchisches System, wonach Rekruten von Dienstälteren misshandelt und schikaniert werden. Die Grundlagen dafür legten bereits die Militärschulen der Zaren, an denen ältere Jahrgänge das Sagen über jüngere hatten. Zu Sowjetzeiten in der Roten Armee verschärfte sich die Situation. Sie hat sich bis heute nicht gebessert. Im laufenden Jahr zählte das Verteidigungsministerium bisher mehr als 1700 Dedowschtschina-Opfer, fast so viele wie im gesamten Jahr zuvor.

Nur selten sind diese Männer den staatlichen Medien eine Schlagzeile wert. Andrej Sytschow, dessen Fall vor vier Jahren international Aufsehen erregte, war eine Ausnahme. Seine Vorgesetzten verprügelten ihn dermaßen, dass Beine, Genitalien und Teile der rechten Hand amputiert werden mussten. Unbeachtet blieb dagegen der Fall von Aleksandr Mazhuga, der vergangenen Sommer wie Roman Suslow in einem Zug umkam. Zunächst lautete die Todesursache ebenfalls Selbstmord, da er aufgehängt auf der Zugtoilette gefunden wurde. Später stellten Mediziner jedoch Schädelbruch als Todesursache fest - er war von anderen Soldaten zu Tode geprügelt worden.

"Die machen mich hier zum Krüppel oder töten mich"

"Roman hätte sich nie im Leben selber umgebracht", sagt Tatjana Suslowa, der es noch immer schwer fällt, über den Verlust ihres Sohnes zu sprechen. Im Mai plante er noch die Hochzeit mit seiner Freundin Oksana. Für sie und seinen neugeborenen Sohn wollte er eine richtige Familie, ein Haus, ein Auto. Dann kam die Einberufung. Sich für ein Schmiergeld vom Dienst freizukaufen, wie es viele in Russland machen, sei für ihn nicht in Frage gekommen, erinnert sich die Mutter. Wir sparen uns das Geld für die Hochzeit, sagte er zu seinen Eltern vor der Abreise. "Wenn ich wiederkomme, feiern wir ein großes Fest", rief er noch. Es war ein Abschied für immer.

Nach zwei Tagen im Zug nach Bikin schickte Roman eine SMS an seine Freundin Oksana. "Die machen mich hier zum Krüppel oder töten mich. Bitte unternehmt was!", stand in der Mitteilung. Oksana ging zur Polizei, die weigerte sich aber, die Anzeige aufzunehmen. Romans Kurznachricht war das letzte Lebenszeichen. Danach bekam Tatjana Suslowa den Anruf, ihr Sohn habe sich auf der Zugtoilette erhängt. "Ich bin mir sicher, er wurde umgebracht", sagt Suslowa.

2. Teil: "Die Organe meines Sohnes sind nach China verkauft worden"

Fast zwei Wochen hat es noch gedauert, bis Romans Leiche nach Omsk ausgeflogen wurde in einem Zinksarg, mit dem Vermerk "Nicht öffnen!". Suslowa öffnete den Sarg dennoch. Später fand sie in ihrer Heimatstadt Omsk eine andere Mutter mit ähnlichem Schicksal. Auch Alma Bucharbajewas Sohn Marat soll sich erhängt haben, nach acht Monaten in Bikin. Auch sein Körper ist aufgeschnitten worden und kam in einem Zinksarg nach Hause, den die Armee verschweißt hatte. Die örtliche Menschenrechtsorganisation "Elternunion Erinnerung" zählte noch fünf weitere Wehrpflichtige aus Omsk, die in den letzten Jahren in der Garnison der 20.000-Einwohner-Stadt Bikin oder auf dem Weg dahin umgekommen sind.

"Die meisten Fälle gehen an unserer Statistik natürlich vorbei, weil sich nur ein Teil der Eltern an uns wendet", sagt die Vorsitzende der Organisation, Nina Lobowa. Neben Marat und Roman sollen noch mindestens einem anderen Soldaten sämtliche inneren Organe gefehlt haben. "Die Organe meines Sohnes sind nach China verkauft worden", behauptet Bucharbajewa. Eine Niere koste auf dem russischen Schwarzmarkt um die 50.000 Dollar.

"Mein Sohn wurde umgebracht. Ihr seid die Nächsten"

Dann erzählt Bucharbajewa davon, wie der Körper ihres Sohnes in ihrem Haus aufgebahrt lag und sie eine verdächtige Delle auf dem Brustkorb bemerkte. Die Ärztin entschied sich, selbst eine Obduktion durchzuführen - und stellte fest, dass alle inneren Organe fehlten. Ohne Hilfe der Polizei und Staatsanwaltschaft aber können mögliche Beweise, dass die Organe ihres Sohnes verkauft wurden, nicht erbracht werden.

Nur selten werden Fälle von Organhandel in Russland öffentlich. So hatten vor fünf Jahren Ärzte in einem Krankenhaus in der Großstadt Chabarowsk an der chinesischen Grenze laut Staatsanwaltschaft mindestens 15 Nieren illegal verpflanzt und 112 Nieren ohne Einverständnis entnommen. Bis zu 40.000 Dollar hätten die Ärzte pro Niere kassiert. Für ihr mafiöses Geschäft konnten sie die gesamte Infrastruktur des Krankenhauses nutzen. Ähnliche Fälle bei der Armee sind nicht dokumentiert.

Die Bekanntschaft mit der Ärztin Alma Bucharbajewa hat Tatjana in ihrem Verdacht bestärkt, dass ihr Sohn umgebracht wurde. Auf die Fragen, warum ihr Sohn per SMS um Hilfe flehte und weshalb sein Leichnam nicht sofort nach Omsk ausgeflogen wurde, schweigen die Behörden.

Keine Kondolenzbriefe, keine Entschuldigungen, keine Unterstützung, nur die 340 Rubel monatlich, etwa acht Euro, die den Hinterbliebenen gesetzlich zustehen, haben die Mütter bekommen. "Vom Staat brauche ich nichts mehr, nur das jemand die Verantwortung übernimmt", erklärt Suslowa. Auf transparente Ermittlungen hofft sie schon lange nicht mehr.

Die schriftlichen Zeugenaussagen der anderen Rekruten aus dem Zug gleichen einander. Sie beschreiben Roman als depressiven Einzelgänger. Einige Mütter der Soldaten hätten in Gesprächen angedeutet, dass die Aussagen ihrer Söhne unter Druck entstanden, erzählt Suslowa. Öffentlich möchte sich aber niemand äußern, solange die Söhne bei der Armee sind.

"In einem Jahr, wenn die Jungs wieder zu Hause sind, werde ich die Wahrheit herausfinden", sagt Suslowa kämpferisch. Am liebsten aber würde sie jetzt schon vor die Rekrutierungsbehörde in Omsk ziehen. Mit einem Plakat, das sie den zur Einberufung vorgesehenen Männern gern vor die Nase hielte und auf dem zu lesen wäre: "Mein Sohn wurde umgebracht, ihr seid die Nächsten".

spiegel.de/panorama

 
 

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